Vielleicht ist es bei manchen Motorrädern wie beim Wein, den man in der Regel besser nicht frisch verkostet, sondern lieber ein paar Jährchen reifen lässt. Kenner der Materie wissen: Auch Motorräder sind oft dann am besten, wenn sie schon ein paar Jahre auf dem Markt sind, wenn Fehler und Macken der ersten Produktionschargen behoben sind, wenn sie nach ein, zwei Updates einen außerordentlichen Grad an Reife und Qualität erlangt haben.

Auf die Boxer-Modelle von BMW trifft das mit Sicherheit zu. Am Boxer im Allgemeinen wurde im vergangenen Jahrzehnt zum Teil offen, zum Teil aber auch ohne großes Aufheben im Verborgenen gehobelt und gefeilt, sodass viele Kritikpunkte der Vergangenheit mittlerweile kein Thema mehr sind. Und davon gab es ja einige, seit die Vierventil-Boxer-Generation 1993 auf den Markt kam. Lästiges Konstantfahrruckeln, verzögerte Gasannahme, hakende Schaltung, krachende Geräusche im Antriebsstrang, Probleme mit dem Bremskraftverstärker-ABS - all das ist heute kein Thema mehr, oder es hat sich in den zurückliegen-den Jahren doch zumindest erheblich verbessert. Und die RT im Speziellen erfährt nun mit vielen kleinen Änderungen ein Upgrade, das ihre unbestrittenen touristischen Qualitäten nochmals aufwerten soll (siehe Fahrbericht in MOTORRAD 5/2010). Kümmern wir uns zunächst einmal um den Motor, der bis auf die neuen Dohc-Zylinderköpfe unverändert blieb. Bevor man über die theoretischen Vorteile der direkten Ventilbetätigung schwadroniert, machen wir doch einfach mal den Praxistest. Denn unterm Strich zählt auf der Straße immer noch das Ergebnis technischer Klimmzüge. Also sechster Gang rein, 50 km/h - und Vollgas. Hoppla, da marschieren alte und neue RT in perfektem Gleichschritt durchs Drehzahlband. Wie das, wo doch BMW "deutlich mehr Drehmoment" proklamiert? Also Personal tauschen und das ganze Spielchen noch einmal. Nun zieht die Neue langsam, aber kontinuierlich weg. Der kleine Unterschied ergibt sich aus 15 Kilogramm Differenz beim Fahrergewicht. Wen es interessiert: zu Ungunsten des Autors gegenüber Top-Tester Karsten Schwers. Immerhin erstaunlich, dass die "paar" Kilos sich bei einem zu beschleunigenden Gesamtgewicht von fast 400 Kilogramm so stark auswirken.